Das Hautarztverfahren sichert die optimale medizinische Versorgung

Von der Beratung zur hautärztlichen Behandlung

BERLIN – Dem Hautarztverfahren kommt im Rahmen der Vorsorge von Berufsdermatosen eine Schlüsselstellung zu. Es ermöglicht die frühzeitige Einleitung aller indizierten und präventiven Maßnahmen im Rahmen des §3 der Berufskrankheitenverordnung.


Das Hautarztverfahren wird eingeleitet, wenn bei krankhaften Hautveränderungen die Möglichkeit besteht, dass durch eine berufliche Tätigkeit eine Hauterkrankung entsteht, wiederauflebt oder sich verschlimmert (John 2006). Nicht unter das Hautarztverfahren fallen: Hautkrebs (z.B. BK-Nr. 5102), infektiöse Hauterkrankungen (z.B. BK-Nr. 3101 und 3102) und Erkrankungen der Atemwege einschließlich der Rhinitis (z.B. BK-Nr. 4301, 4302).

Das Hautarztverfahren wird durch Hautärzte (sowie Arbeitsmediziner bzw. Ärzte mit der Zusatzbezeichnung „Betriebsmedizin“) unter Verwendung des Formtextes F 6050 „Hautarztbericht - Einleitung Hautarztverfahren/ Stellungnahm Prävention“ (http://www.hvbg-service.de/cgi-bin/formtext) eingeleitet. Ärzte anderer Fachrichtungen stellen Erkrankte unter Verwendung des Formtextes F 2900 (http://www.hvbg-service.de/cgi-bin/formtext) bei einem Hautarzt vor.

Dieser untersucht den Betroffenen und erstattet mit dessen Einverständnis unverzüglich den Hautarztbericht. Sofern eine Kontaktaufnahme mit dem Arbeitgeber nicht gewünscht wird, ist dies auf dem Bericht zu vermerken. Bei der Erstattung des Hautarztberichtes sind eine exakte Berufsanamnese und eine dermatologische Beschreibung des Befundes einschließlich Angabe der Lokalisation (siehe Formtext F 6050, Ziffer 5 und Beiblatt Hautbefund) erforderlich.

Unter Einbeziehung der erhobenen Befunde sollte eine detaillierte fachärztliche Diagnose (s. Formtext F 6050, Ziffer 7) gestellt werden. Darüber hinaus sind insbesondere dezidierte Angaben zur Therapie und erforderlichen Prävention (s. Formtext F 6050, Ziffer 9; einschließlich Vorschlag zur Einleitung spezifischer Präventionsangebote auf der Ebene der sekundären Individual-Prävention [SIP, ambulante Schulungsseminare, s.u.] bzw. der tertiären Individual-Prävention [TIP, modifizierte stationär-ambulant vernetzte Heilverfahren, s.u.]) angezeigt (John 2006). Falls erforderlich, ist seitens des erstattenden Hautarztes ein Behandlungsauftrag (allgemeine oder besondere Heilbehandlung) zu beantragen (s. Formtext F 6050, Ziffer 9.1).

Der Hautarzt ist berechtigt, im Rahmen der Erstattung des Hautarztberichtes diagnostische Maßnahmen durchzuführen, die zur Klärung des Ursachenzusammenhanges zwischen der Hauterkrankung und der beruflichen Tätigkeit erforderlich sind (§ 43 des Vertrages Ärzte/UV-Träger). Der Testumfang bezieht sich somit – sofern nicht mit dem Unfallversicherungsträger im Einzelfall anderes vereinbart wurde - auf das abzuklärende berufliche Tätigkeitsfeld.

Eine breite, auch außerberufliche Einwirkungen umfassende Epikutantestung ist im Rahmen der Erstattung des Hautarztberichtes nicht angezeigt. Eine orientierende Atopie-Diagnostik (z.B. Pricktestung mit bis zu 14 ubiquitären Allergenen) kann erforderlich sein. Die berufliche Relevanz von Typ-I- oder Typ-IV-Sensibilisierungen muss bewertet werden. Hautfunktionsuntersuchungen, für die keine standardisierten Methodikvorgaben und evaluierten Normwerte existieren, insbesondere die Messung basaler hautphysiologischer Werte, sind nicht möglich.

Erst nach Erteilung des Behandlungsauftrages kann die Therapie über den Unfallversicherungsträger nach dessen Vorgabe (allgemeine oder besondere Heilbehandlung) abgerechnet werden (http://www.hvbg.de/d/pages/reha/verguet/index.html). Das akute Kontaktekzem wird in der Regel initial mit topischen Glukokortikosteroiden behandelt.

Von Seiten des behandelnden Dermatologen ist nach Abklingen der Akutphase eine stadiengerechte, möglichst nebenwirkungsarme, anti-entzündliche Therapie einzuleiten. Alle geeigneten therapeutischen Maßnahmen können im Rahmen des §3 BKV ergriffen werden, eventuell bestehende Einschränkungen seitens der Krankenkasse entfallen. Im Zweifelsfall ist eine vorherige Abstimmung mit dem Unfallversicherungsträger vorzunehmen.

Die Erstattung von Verlaufsberichten (Hautarztbericht – Verlaufsbericht F6052) (http://www.hvbg-service.de/cgi-bin/formtext) erfolgt üblicherweise in zweimonatlichen Abständen, bei Besonderheiten umgehend. Dies ist z.B. der Fall, wenn der Versicherte bei der Therapie nicht oder nur unzureichend mitwirkt, erneute AU eingetreten ist oder sich die Arbeitsplatzsituation seit dem letzten Bericht negativ verändert hat. Darüber hinaus ist der Verlaufsbericht stets auf Anforderung des UV-Trägers zu erstatten.

Neben den medizinischen Maßnahmen können dem Betroffenen darüber hinaus spezielle gesundheitspädagogische Hautschutz-Schulungsprogramme von den Unfallversicherungsträgern angeboten werden. Diese sind mittlerweile flächendeckend und erfolgreich für bestimmte Berufsgruppen (z.B. Friseurgewerbe, Pflegeberufe) etabliert.

Durch derartige interdisziplinäre, komplexe, präventive Anstrengungen konnte in den zurückliegenden Jahren in vielen besonders hautbelastenden Bereichen ein deutlicher Rückgang der Berufsaufgaben erzielt werden. Dies ist verbunden mit einer Minderung des persönlichen Last der Betroffenen (Bedrohung der Existenzgrundlage, Verlust an Lebensqualität) sowie mit einer deutlichen Minderung der Kosten für die Solidargemeinschaft. Besonders kostenintensive Umschulungsmaßnahmen konnten eingespart werden.


Tertiäre Prävention
Bei ambulant therapieresistenten Berufsdermatosen kommen die erweiterten Abhilfemaßnahmen auf der Ebene der tertiären Individual-Prävention (TIP) zum Tragen. Beispielhaft konnte hier anhand des seit 1994 an der Universität Osnabrück angebotenen modifizierten stationären Heilverfahrens („Osnabrücker Modell“) gezeigt werden, dass durch intensivierte, interdisziplinäre (medizinische, gesundheitspädagogische, psychologische, ergotherapeutische, technische) präventive Anstrengungen bei 2/3 der Patienten mit konkret drohender Gefahr des objektiven Unterlassungszwanges der beruflichen Tätigkeit ein langfristiger Berufsverbleib erzielt werden kann. Die Maßnahme beinhaltet eine 2-3wöchige stationäre Behandlung einschließlich intensivierter gesundheitspädagogischer Schulungen und eine nachstationäre 3wöchige Arbeitskarenz, um eine vollständige Konsolidierung der epidermalen Barriere zu gewährleisten.

Indikationen für TIP sind überwiegend chronische, degenerativ-toxische oder allergische Kontaktekzeme, beruflich provozierte atopische Handekzeme, aber auch weitere Berufsdermatosen, wie z.B. eine chronische, beruflich getriggerte Psoriasis palmaris, wenn diese ambulant therapieresistent ist und die Gefahr der Entstehung einer BK nach Nr. 5101 der BKV droht. Das Indikationsspektrum wird darüber hinaus erweitert durch die (ggf. wiederholte: „Refresher-TIP“) Durchführung stationärer Behandlungsmaßnahmen von älteren, nicht mehr umschulbaren Versicherten, um den Hautzustand weitmöglich zu stabilisieren.

Ferner sind stationäre Heilverfahren bei bestimmten Konstellationen zur Verlaufsbeobachtung sowie weiteren diagnostischen und versicherungsrechtlichen Einordnungen angezeigt: Z.B. zur Bewertung der beruflichen Kausalität unter Arbeitskarenz (sowie Sistieren privater hautbelastender Einflüsse) und engmaschiger stationärer Beobachtung bzw. zur Beurteilung der therapeutischen Beeinflussbarkeit des Krankheitsbildes.

Stationäre Heilverfahren bei Berufsdermatosen können ebenfalls zur Erzielung einer Minderung der BK-Folgen nach erfolgter Aufgabe der schädigenden Tätigkeit bzw. bei bereits anerkannter BK nach Nr. 5101 der BKV angezeigt sein.